Sehr geehrte Vertreter der Kirche, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen des Stadtrates und der Verwaltung, verehrte Gäste!

Namens der Stadt Forchheim und in Vertretung von Herrn Oberbürgermeister Dr. Uwe Kirschstein darf ich Sie zum heutigen Gedenken aus Anlass des Volkstrauertages hier auf dem Friedhof Reuth herzlich begrüßen und willkommen heißen.

Beginnen möchte ich mit einem Auszug aus dem Gedicht „Barbaren“. Erich Mühsam schrieb es während des ersten Weltkrieges, im September 1915.  Lässt man die Länder des Geschehens weg, ist es auch heute noch eine zutreffende und abschreckende Beschreibung.

BARBAREN

Das Blut gerinnt. Es häufen sich die Leichen …

Auf hoher See und in den Tropenreichen
ist Kampfgetöse, Mord, ist Sieg und Weichen.


Es wird gebrannt, geschändet und gestohlen,
und über Trümmern ragen Ruhmeszeichen.

Aus Wolken fetzt der Mord, vom Meeresgrunde,
und Kinder müssen sterben, Frauen, Greise.
Den Hunger ruft man sich, die Pest zum Bunde.
Der Mutter Träne und die Todeswunde

gibt von der Heldenzeit Europas Kunde.
Das Blut gerinnt. Es häufen sich die Leichen

Erich Mühsam wurde im Alter von 56 Jahren am 10.07.1934 im KZ Oranienburg ermordet.

Am Volkstrauertag gedenken wir der deutschen Kriegstoten, der Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen und der Bundeswehr-Soldaten, die in jüngerer Vergangenheit bei Auslandseinsätzen zu Tode kamen.

Seit 1945 wird am Volkstrauertag auch der zivilen Opfer des Krieges gedacht. So treten neben die toten Soldaten auch die Frauen, Kinder und Männer, die in den besetzten Ländern und in Deutschland zu Opfern von Krieg und Gewalt geworden waren. Wir gedenken der Menschen, die aus politischen, religiösen oder sogenannten rassischen Gründen verfolgt worden waren.

Wie der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge verstehe auch ich den Volkstrauertag im Sinne einer Mahnung zu Versöhnung, zu Verständigung und Frieden. Er wendet sich gegen das Vergessen, und fordert uns auf, aus der Vergangenheit Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen und danach zu handeln.

Die Toten, derer man gedenkt, und die von Müttern und Vätern, Männern und Frauen, von Brüdern und Schwestern beweint wurden, sind Verpflichtung und Aufforderung zum Frieden. Wir brauchen diese Mahnung, nachzudenken und immer wieder neu zu suchen, was wir heute für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit aktiv tun können.

Und da können und müssen wir sehr viel tun, meine Damen und Herren! Wir, die wir – Gott-sei-Dank – in einem Land ohne Krieg, in einem friedlichen Europa leben, und denen es in dieser Hinsicht so gut geht. Wir tragen Verantwortung, mit unserer Politik, mit unserer Haltung und mit unserem Verhalten Fremden, Geflüchteten und Menschen  gegenüber, die unsere Hilfe brauchen.

„Dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint“ – diese Worte von Johannes Becher stehen auf dem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus auf der Insel Usedom.

Dieser Satz steht für sich. Und dennoch hat er mich auch an die fürchterliche Geschichte des Syrers Salah erinnert, die vor einigen Monaten durch die Medien ging. Der 31-jährige Familienvater Salah S. flüchtete 2015 aus der Bomben-Stadt Aleppo; erst über das Mittelmeer und dann über die Balkanroute nach Deutschland. Seine schwangere Frau und seine kleine Tochter ließ er bei Verwandten in der Türkei - in der Hoffnung, sie auf sicherem Wege nachholen zu können. Doch der Familiennachzug wurde Salah in Deutschland wegen unseres aktuell geltenden Rechts nicht genehmigt. 

Nach zwei Jahren endlosen Wartens und Lebens unter schwierigsten Bedingungen, aus purer Verzweiflung trat die Mutter mit den beiden kleinen Kindern schließlich doch den Weg nach Europa über das Mittelmeer an. Das Schlauchboot der Schlepper kentert, die Hälfte der Flüchtlinge an Bord ertrinkt, darunter Salahs Frau, die dreijährige Tochter und das Baby. 

Salah sagt: „Es ist weg, das Wertvollste in meinem Leben ist jetzt einfach weg."

Wäre Salah als vollwertiger Flüchtling anerkannt worden, hätte er seine Familie legal und sicher  nachkommen lassen können und alle würden noch leben.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat „Krieg und Menschenrechte“ in diesem Jahr als Schwerpunktthema gewählt. Der Krieg in Syrien dauert heute schon sechs Jahre an - ohne Aussicht auf Frieden. In diesem und anderen Kriegen auf der Welt sterben auch heute Menschen durch Bomben und Gewehre – ganz so, wie es Erich Mühsam in seinem Gedicht „Barbaren“ beschrieben hat.

Wo Krieg herrscht, gelten keine Menschenrechte.

Wo Krieg herrscht, fliehen Menschen, lassen Menschen alles zurück, in der Hoffnung anderswo in Frieden und Freiheit leben zu können. Sie sind Flüchtlinge und ersuchen um Asyl.

Das Flüchtlings- und Asylrecht in Deutschland ist komplex. Und natürlich müssen wir uns fragen, wer in Deutschland eine Heimat finden können soll und wie wir es als Gesellschaft schaffen, unseren neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern tatsächlich ein Heim zu bieten und sie zu integrieren.

Aber, meine Damen und Herren, Maxime dieser Überlegungen muss doch immer die Menschlichkeit sein; müssen bürokratische Auflagen und Prozesse darauf überprüft werden, wie zumutbar und vor allem wie menschlich das, was gefordert wird, für die Betroffenen ist.

Auch das ist meiner Meinung nach eine Konsequenz, ein  Schluss aus der Vergangenheit für die Gegenwart. Das ist unsere Verantwortung für die Menschlichkeit, aber auch für den Frieden und die Freiheit in unserem Land und auf der Welt.

Für die Gestaltung dieser Gedenkfeier danke ich im Namen der Stadt Forchheim der Blaskapelle Reuth, dem Männerchor Eintracht Reuth, der Ehrenabordnung der Soldatenkameradschaft Reuth und den Fahnenträgern der Reuther Vereine.

Vielen Dank!

Ich wünschen Ihnen allen noch einen friedlichen und erholsamen Sonntag! 

Dr. Annette Prechtel
Bündnis `90 - Die GRÜNEN /Forchheimer Grüne Liste
Stadtratsfraktion
Fraktionsvorsitzende